... jetzt im Erlebnisort City - Auftaktgespräch (runder Tisch) mit dem Präsidenten des Handelsverbands Möbel- und Küchen, Herrn Markus Meyer, der Wirtschaftsförderung Frankfurt, Herrn Dr. Jan Schlesinger und der jadvance GmbH als Einladende (siehe nachstehende Veröffentlichung in der WELT 02/2025)
Das leise Ende eines deutschen Erlebnisortes
Einst waren Möbelhäuser Ziel für tagesfüllende Ausflüge. Heute bauen die ersten Häuser ihre Restaurants zurück, weil sie sich nicht mehr lohnen. Auch Kinderbetreuung ist längst kein Standard mehr. In der Branche herrscht Panik. Viele Händler sind bereit, ihre Unternehmen ganz abzugeben.
Die „gute alte Zeit“ wird oft und gerne vermisst. Nun auch von Markus Meyer. „Vor einigen Jahren waren Möbelhäuser noch Erlebnisorte“, erinnert sich der Präsident des Handelsverbands Möbel und Küchen (BVDM). „Da ist die ganze Familie an den Stadtrand gefahren und hat viele Stunden im Möbelhaus verbracht. Die Kinder waren im Spieleparadies, die Eltern sind durch die Abteilungen geschlendert und zwischendurch haben alle im hauseigenen Restaurant günstig gegessen.“
Heute ist die Realität in den großen Wohnpalästen in der Peripherie eine völlig andere. Von Ausflugsstimmung kann keine Rede mehr sein. „Es kommen vor allem Bedarfskäufer, die gezielt nach bestimmten Möbeln suchen“, sagt Meyer gegenüber WELT. Schlendern und stundenlanges Verweilen ist dann nicht mehr. Die ersten Häuser bauen bereits ihre Restaurants zurück, weil es sich nicht mehr lohnt. Und Kinderbetreuung ist auch nicht mehr überall Standard.
Denn die Frequenzen reichen vielfach nicht mehr aus. Um zehn bis 20 Prozent sind die Besucherzahlen in den vergangenen beiden Jahren eingebrochen, berichtet Meyer, in einzelnen Monaten habe das Minus sogar bei 30 bis 40 Prozent gelegen. Der Unternehmer, der im Hauptberuf den Händler City-Polster in Kaiserslautern führt, spricht deswegen von einer „schwierigen und herausfordernden Situation“ für den Möbelhandel in Deutschland.
2024 lag das Umsatzminus bei sechs bis acht Prozent, zeigen Hochrechnungen des Instituts für Handelsforschung Köln (IfH). Trotz merklicher Preiserhöhungen. „Wir brauchen dringend wieder diejenigen Kunden, die Lust auf Konsum und Spaß am Einrichten haben.“ Denn mittlerweile werde es immer schwieriger, große Flächen sinnvoll zu betreiben. „Die ausgestellte Ware muss spätestens alle zwei Jahre komplett umgeschlagen sein, damit die Flächen attraktiv bleiben und nicht alt wirken.“
Gründe für die Krise gibt es mehrere, angefangen bei der allgemeinen Konsumzurückhaltung und fehlenden Kauflaune, über eine Marktsättigung infolge vorgezogener Käufe in der Corona-Zeit, als viele Menschen auch mangels Alternativen in die eigenen vier Wände investiert haben, bis hin zum lahmenden Wohnungsbau nach mittlerweile drei Jahren teils stark sinkender Baugenehmigungszahlen.
Damit wird weniger ein- und umgezogen, das hemmt die Nachfrage nach Küchen, Sofas, Betten und Co. Längst macht sich deswegen Panik breit in der Branche. „Konjunkturwellen sind normal. Aber die Ausschläge 2023 und 2024 haben eine Größenordnung, die man bislang nicht kannte“, sagt Händler-Präsident Meyer. „Deswegen ist die Sensibilität bei den Unternehmen jetzt eine ganz andere.“
Der BVDM rechnet daher mit einer noch mal beschleunigten Konsolidierungswelle in den kommenden Monaten und Jahren – nachdem zuletzt binnen 15 Jahren ohnehin schon rund 40 Prozent der Anbieter verschwunden seien. Wobei viele der dazugehörigen Filialen unter einem neuen Eigentümer weiterhin bestehen. Dazu passt auch die angekündigte Übernahme von Porta – immerhin die Nummer sechs im deutschen Markt – durch den stark expansiven Branchenriesen XXXLutz aus Österreich, der hinter Ikea mittlerweile zur Nummer zwei hierzulande aufgestiegen ist.
„Viele Händler sind gerade bereit, ihre Unternehmen abzugeben“, weiß Meyer. Auch aus Angst vor weiteren Wertverlusten. „Den meisten gehören auch die Immobilien, in denen die Möbelhäuser untergebracht sind. Das ist deren Familienvermögen.“ Und für diese teils 50.000 Quadratmeter großen Gebäude gebe es kaum alternative Nutzungsmöglichkeiten. Für eine Umwidmung in einen Baumarkt fehlt zum Beispiel die Traglast. Logistiker wiederum stören sich an der Mehrgeschossigkeit.
Wer nicht aufgeben will, sucht sich vielfach Untermieter aus anderen Handelsbereichen, die dann Teilflächen bespielen. Umgekehrt interessieren sich Möbelhändler für eine Rückkehr in die Innenstädte, sei es durch eigene Ladenlokale, wie es Ikea schon länger vormacht oder durch Shop-in-Shop-Lösungen in überdimensionierten Kaufhäusern und Modepalästen. In Frankfurt am Main gibt es dafür jetzt einen runden Tisch, der alle Seiten zusammenbringt, auch um die Attraktivität der Innenstädte wieder zu erhöhen.
Es ist aber nicht nur der Möbelhandel, der in einer Krise steckt, der zuletzt sogar die Möbelmesse „imm“ in Köln zu Opfer gefallen ist, immerhin eine der größten ihrer Art weltweit. Auch der heimischen Industrie und damit einer wichtigen Ausstellergruppe der „imm“ geht es schlecht. Um 7,4 Prozent auf 16,4 Milliarden Euro sind die Umsätze 2024 eingebrochen, meldet der Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM). Und der Auftragseingang ist nach wie vor verhalten. Laut einer Verbandsumfrage haben deswegen 44 Prozent der Unternehmen im ersten Quartal 2025 Kurzarbeit beantragt. Zudem kommt es verstärkt zu Insolvenzen und Betriebsaufgaben. Laut Statistik gibt es jetzt noch 414 Betriebe mit gut 71.000 Mitarbeitern, ein Minus von 60 Unternehmen und etwa 13.000 Beschäftigten verglichen mit dem Vor-Corona-Jahr 2019. Dabei geht es aber jeweils nur um Betriebe mit mindestens 50 Mitarbeitern.
Um sich im aktuellen Marktumfeld weiter behaupten zu können, suchen sich die Hersteller zusätzliche Betätigungsfelder, etwa das Objektgeschäft, vor allem aber den Export. Rund ein Drittel der Möbel Made in Germany werden bereits in Ausland verkauft. VDM-Geschäftsführer Jan Kurth sieht noch deutlich mehr Potenzial, allen voran durch Neugeschäft in Amerika und Asien. „Ziel können durchaus 50 Prozent sein.“
Dazu beitragen sollen zwei neue Messen in Köln. Ende Oktober launcht Veranstalter Kölnmesse die „Interior Design Days“, kurz IDD, für hochwertige und Markenmöbel. Sie soll künftig alle zwei Jahre stattfinden und ist auch für Endverbraucher geöffnet. Für das Billigsegment wiederum gibt es künftig jährlich im Januar eine abgespeckte „imm“, deren Beteiligungspreis für die Unternehmen weniger als halb so teuer ist wie bei den IDD. Mit dieser Trennung soll die zunehmende Polarisierung im Markt mit den beiden Enden Premium und Discount aufgefangen werden.
Kurth ist angesichts der neuen Präsentationsmöglichkeiten und zusätzlichen Standbeine optimistischer bei seiner Prognose als der Handel, der 2025 im besten Fall eine Seitwärtsbewegung erwartet. „Wir glauben, dass die Talsohle durchschritten ist“, sagt dagegen der Industrieexperte und sieht für 2025 ein „kleines einstelliges Plus“. Auch weil die Realeinkommen gestiegen sind, die Inflation gesunken ist und für das reichlich vorhandene Sparvermögen weniger Zinsen gezahlt werden. Wichtig sei jetzt nach der Wahl vor allem aber eine schnelle politische Stabilisierung und eine entsprechende wirtschaftspolitische Weichenstellung, um zum Beispiel den Wohnungsbau wieder anzukurbeln.
Aktuell fühlt sich die Branche vernachlässigt. „In der Wertschöpfungskette Bauen, Wohnen, Einrichten werden nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft rund zwei Millionen Menschen direkt und vier Millionen indirekt beschäftigt. Damit hat dieser Wirtschaftszweig bei der Politik – etwa im Vergleich zur Automobilwirtschaft – unterschätztes Gewicht“, beklagt Kurth.
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie über Recycling und Mittelstandsunternehmen.