Die Friedrichstraße, ein Stadtschicksal

Pressebericht FAZ vom Montag, 14.12.2020, Hans Stimmann / Autor war Senatsbaudirektor in Berlin

Blumenkübel und Radschnellwege machen noch kein lebenswertes Gemeinwesen: Was zurzeit in Berlin passiert ist symptomatisch dafür, wie mit einer technokratischen Verkehrswende die Stadt weiter ruiniert wird - weil keiner begreift, was urbane Räume wirklich ausmacht.

...Die im "Mobilitätsgesetz" angesprochenen Konflikte zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern treten hier mit Ausnahme des westlichen Abschnitts der Leipziger Straße gar nicht auf. Trotzdem unternimmt der Senat seit dem 29. August 2020 in der Friedrichstraße auf einer Länge von 500 Metern einen ersten Schritt für den Umbau in eine autolose Begegnungszone. Dazu gehört neben den üblichen Parklets, Kübelbäumen ein separierter Radschnellweg. Um wenigstens sprachlich an die Geschichte der Friedrichstraße mit ihrer großstädtischen Mischung aus Arbeit, Vergnügen und Verkehr anzuknüpfen, wird die Maßnahme als "Flaniermeile" verkauft. In Wirklichkeit wird aber dem immer wieder beschworenen großstädtischen Leben in der Stadtmitte der definitive Garaus gemacht. Ausgerechnet in der Straße, die Theodor Fontane als pikanteste Verkehrsader beschrieben hat, breitet sich die Illusion rot-rot-grüner Urbanität aus. 

Nachsatz von jadvance: wir wissen alle, Urbanstrukturen müssen umfassend analysiert, geplant und fortgeschrieben werden, in Teilen sogar neu ausgerichtet. - Aber immer geht es um Mensch+Raum©, also Urbanität im eigentlichen Sinn. 

Die von Herrn Hans Stimmann, Senatsbaudirektor a.D., angesprochene wichtige Urbanstraße muss zwar in ihrer Verkehrsdichte angepasst werden, aber in einer ergänzenden Planung, in der Handel und andere kommerzielle Einrichtungen dem Anforderungsprofil Fußgänger (zum Thema Flanieren und Verweilen) und dem Bewegungsprofil für Fahrrad, E-Scooter sowie PKW (zum Thema Wegevernetzung), in einem Dialog gerecht werden. Wir nennen dies im Fachjargon Shared Space, jeweils abgestimmt auf die Anforderungen. So entsteht Raum für Verweilen unter einbezogenen Zonen aus den Gebäude-EG-Flächen.

Öffentlicher Raum ist ein hoher Wert im sozialen Miteinander. (Der Individualverkehr wird sich verändern müssen, aber dies bedarf einer umfassenden Neuausrichtung.

Wir stellen den Mensch und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt und dazu muss jede Bedarfsstruktur im Einzelnen betrachtet und zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Die Aussage von Herrn Simmann verstehen wir, Zukunft als Ganzes zu sehen.